Kanada - Quer durch den Osten

Teil 2

Odanak

Wigwam Abenakis-Museum in Odanak KanadaEntlang des St. Lorenz-Stromes, von Montréal kommend, erreicht man Odanak. Hier lebt noch eine kleine Gruppe von etwa zweihundert Abanaki Indianern, insofern „echte“ Indianer, als beide Elternteile Indianer sind. Sie haben ihre alte indianische Kirche erhalten und ein kleines Museum aufgebaut, um wenigstens einen Teil ihrer Kultur zu erhalten und zu zeigen. Ihre Geschichte dürfte typisch für die vieler kanadischer Indianer sein.

Zuerst kamen die Franzosen, missionierten die Abanaki und trieben Pelzhandel mit ihnen. Die Engländer überfielen ihr Dorf mehrere Male und brannten die Kirche nieder. Später, in den Kriegen zwischen Franzosen und Engländern, wurden sie als Puffer zwischen den Frontlinien missbraucht. Erst der Zusammenschluss mehrerer Stämme im heutigen östlichen Kanada sicherte ihr Überleben. Heute sind sie in das Alltagsleben integriert und bei den Meisten fällt es schwer ihre indianische Abstammung zu erkennen.

Kirche der indianer im Abenakis-Museum in Odanak kanadaIn einem Nebenraum des Museums hat man eine Multimediashow vorbereitet, die versucht den Besuchern in kurzer Zeit etwas von der Naturreligion der Indianer nahe zu bringen.

Die Kirche zeigt viele indianische Motive. Eine der letzten Abanaki Frauen erläutert voller Stolz und mit viel Hingabe die Bedeutung der einzelnen Gegenstände.

In Nicolet besuchen wir die Kathedrale, die wohl in den 60er Jahren errichtet wurde.

Trois-Rivières

Haus aus der Gruenderzeit in Trois-Rivieres KanadaAm Abend sind wir in Trois-Rivières  berühmt für seine im Originalzustand erhaltenen Häuser aus der Gründerzeit. Die Stadt wurde 1634 als Pelzhandelsposten gegründet und ist heute, nicht zuletzt durch die grossen Waldbestände im Hinterland, ein namhafter Standort der Papierindustrie. Das Manoir Boucher-de-Niverville wurde 1729 erbaut und beherbergt heute die Touristeninformation. Das Ursulinenkloster Couvent des Ursulines wurde 1697 gegründet; heute gehört dazu auch ein kleines Museum zur Geschichte des Klosters.

Am Hafen erreichen uns die ersten Ausläufer des Wirbelsturms Katrina, der zwei Wochen zuvor New Orleans zerstörte. Er hatte aber schon viel an Zerstörungskraft verloren und machte sich lediglich durch heftigste Regenfälle bemerkbar, die uns den nächsten Tag zwangen im Hotel zu verbringen. In der Provinz Québec wurden durch das Unwetter lediglich einige Strassen zerstört.

Québec

Am übernächsten Tag scheint wieder die Sonne. In der Zwischenzeit sind wir nach Québec weitergefahren.

Chateau Frontenac in Quebec Kanada Québec ist die französischste der kanadischen Städte und die älteste europäische Kolonie Kanadas überhaupt, heute mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern. Gegründet 1608 von Samuel de Champlain, blieb sie bis 1759 unter französischer Verwaltung. In diesem Jahr entschieden die Briten die Schlacht auf der Abraham Ebene für sich; die Stadt musste kapitulieren, und der Frieden von Paris 1763 brachte sie mit ganz Kanada unter die britische Krone. Zwölf Jahre später scheiterte ein Versuch der USA, die Stadt zu erobern. Benannt ist sie, und damit die ganze Provinz, nach dem Ausdruck Kebek aus der Algonkin-Sprache, der Engstelle bedeutet, und die Flussenge des St-Laurent bei Québec bezeichnet, wo sich der Fluss am leichtesten überqueren ließ.

Unser Hotel ist in der Altstadt in der Nähe des Place d’Armes. in dessen Mitte ein Denkmal an die Ankunft der ersten Missionare zu Beginn des 17. Jh. erinnert. Auch auf diesem Platz, einem viel frequentierten Treffpunkt, tummeln sich Straßenkünstler. Daneben Cháteau Frontenac, Wahrzeichen der Stadt, Kanadas wohl berühmtestes Hotel, wurde Ende 19. Jh. für die Canadian-Pacific-Railway-Gesellschaft errichtet. Hier fanden zum Beispiel 1943/44 die Konferenzen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt und dem britischen Premier Churchill statt, und viele Berühmtheiten haben hier gewohnt, so etwa Königin Elisabeth II., Charles Lindbergh, der erste Nonstop-Allein-Atlantiküberflieger, oder Alfred Hitchcock.

Auf der Terrasse Duferin findet man das Denkmal von Stadtgründer Samuel de Champlain. Sie ist eine beliebte Promenade mit prächtiger Aussicht auf die Unterstadt und den St. Laurent. Auch hier fehlen nicht die Musikanten, Sänger oder Artisten.

(136) Ein Teil der Terrasse ist derzeit von Archäologen mit Beschlag belegt, die mit Ausgrabungen im Schloss des Gouverneurs von Neu-Frankreich beschäftigt sind, das bei Angriffen der Engländer im frühen 19. Jh. vollständig zerstört wurde.

Wer will, kann auch seinem Kaninchen eine frische Briese gönnen.

Über die Terrasse erreicht man die Zitadelle, Nordamerikas einzige erhaltene Wehranlage. Sie beherbergt auch heute noch eine Garnison der kanadischen Armee, kann aber trotzdem besichtigt werden.

Batisse das Maskottchen der kanadischen Armee in QuebecAuch hier findet täglich ein Wachwechsel in typisch britischem Stil statt, aber nie ohne das königliche Maskottchen Batisse, ein Ziegenbock mit vergoldeten Hornschützern. Er ist ein direkter Abkömmling des Ziegenbocks der königlichen Herde von Queen Victoria, der der Queen einst vom Schah von Persien geschenkt wurde Die ursprüngliche Heimat von Batisse war das Hochland von Tibet. Der Ziegenbock machte einen friedlichen Eindruck, aber vermutlich weiß er die Ehre nicht zu schätzen.

Innerhalb des Forts gibt es ein Museum zur militärischen Vergangenheit und zur Geschichte Québecs, das auch den ausgestopften Urahnen des wackeren Batisse zeigt. Direkt vor den Mauern des Forts fand einst die entscheidende Schlacht um die Vorherrschaft Kanadas statt. In einem nur zwanzig Minuten andauernden Gefecht erlitten die Franzosen eine Niederlage, die letztendlich zum Verlust der Provinzen führte.

Auf dem Gelände hat der Generalgouverneur von Kanada ein Zweitbüro neben seinem offiziellen Dienstsitz in Ottawa.

Den schweren Geschützen, die von Québecs strategischer Bedeutung zeugen, begegnet man noch fast in der ganzen Stadt.

„Je me souviens“, ich erinnere mich, ist der Wappenspruch der Provinz Québec und auch auf jedem Nummernschild zu lesen. Allerdings nur am Heck der Autos. Ein zweites Schild für die Vorderfront wird hier als unnötiger Luxus betrachtet. „Wozu soll das gut sein“, meint ein Polizist. „Radarkontrollen gibt’s hier nicht“. Dies soll jedoch keine Aufforderung zum Rasen sein. Auf Autobahnen gilt allgemein ein Limit von 100 km/h; mehr als 120 fährt hier normalerweise niemand. Innerhalb besiedelter Gebiete sind Kanadas Autofahrer, gemessen an europäischen Verhältnissen, äußerst rücksichtsvolle und höfliche Zeitgenossen.

Die alten Befestigungsanlagen ziehen sich über das Fort hinaus 4,6 km quer durch die Stadt und verleihen ihr historisches Flair.

Auch das Parlament von Quebec ist, ist ähnlich denen, die wir in Toronto und Ottawa sahen, einen Besuch wert. Auch hier finden sich wieder sehr schöne Buntglasscheiben, wie wir sie bereits zuvor kennen lernten.

Sitzungssaal der nationalversammlung von Quebec KanadaDie Sitzungssäle der Nationalversammlung und der Legislative können besichtigt  werden. Das Gemälde in der Nationalversammlung zeigt die erste Sitzung, als sich französisch- und englischsprachige Abgeordnete gegenüberstanden und keiner den anderen verstehen konnte. Heute wird französisch gesprochen. In Ausnahmefällen, wenn er glaubhaft versichert, sich in einem bestimmten Zusammenhang nur englisch ausdrücken zu können, darf ein „native Speaker“ auch mal Englisch sprechen.

Heute kann man die Abgeordneten mit englischer Muttersprache an einer Hand abzählen. Unser Führer referierte nicht nur über kanadische Politik, sondern stellte uns auch Fragen zur bevorstehenden Bundestagswahl in Deutschland.

Der in Purpur verkleidete Sitzungssaal der Legislative war ursprünglich die städtische Oper.

Durch das Stadttor in der Rue St-Louis erreichen wir das ehemalige Munitionsdepot der Stadt.

Von dort geht es zur Altstadt, einem wahren Touristenmagneten, geprägt durch ihr europäisches Erscheinungsbild. Enge Gassen und verwinkelte Häuser erwarten den Besucher.

Das Maison Jacquet von 1677 gilt als das älteste original erhaltene Gebäude Québecs. Heute dient es als Restaurant, das sich für einheimischen Hummer empfiehlt. Québec genießt den Ruf, den besten Lobster des Landes zuzubereiten. Zu diesem Ruf trägt natürlich auch die französische Küche bei.

Einen Rundgang durch das Château Frontenac mit seinen verwinkelten Erkern und Zinnen sollte man sich nicht entgehen lassen. Das Hotel veranstaltet auch einstündige Führungen.

Am Place d’Armes steht auch ein mächtiges Denkmal von Samuel de Champlain, dem Gründer dieser Stadt.

Gleich daneben ist der Eingang zur Zahnradbahn, die obere und untere Stadt verbindet.

Unterstadt und Zahnradbahn von Quebec KanadaHier ist der eigentliche Mittelpunkt des Tourismus’ der Stadt. Die kunstvollen Schilder, die verwinkelten kleinen Häuser und die manchmal flächendeckenden Fassadengemälde machen den Besuch zu einem in Nordamerika einmaligen Erlebnis. Allerdings sind wir froh, nicht in der Hochsaison hier zu sein. Dann nämlich, sagt ein Kellner, ist es vor lauter Menschengewühl kaum noch möglich, die Casse-cou-Treppe, die Halsbrechertreppe, auf der sich schon manch betrunkener Seemann das Genick gebrochen haben soll, zu bewältigen.

Besucher aus Deutschland müssen auch ihre Gartenzwerge nicht vermissen.

Unzählige Restaurants bieten eine gute Gelegenheit die französische Cuisine kennen zu lernen.

Der Place-Royale ist der Mittelpunkt der unteren Stadt und zugleich der Ausgangspunkt der französischen Besiedelung Nordamerikas. Mittelalterlich gekleidete Handwerker und Straßenkünstler mischen sich unter die Touristen. Hier erlebt man, warum Québec die beliebteste Stadt für Touristen in Nordamerika ist.

Die Mitte des Platzes schmückt eine Büste von Ludwig dem XIV., dem zu Ehren der Platz benannt wurde.

In der kleinen Kirche Notre-Dame-des-Victoires ermutigt uns ein Priester, das ausgelegte Brot mitzunehmen. Die Kirche ist der Schutzheiligen von Paris Geneviève geweiht. Viele Legenden ranken sich um sie, doch unbestritten ist, dass sie sich stark für Arme und Hilfsbedürftige engagierte. Sie organisierte, als während einer Belagerung von Paris durch fränkische Stämme zu Ende des 5. Jh. eine Hungersnot ausbrach, einen Schiffskonvoi, der Weizen aus der Champagne nach Paris brachte. Die Armen erhielten Brot kostenlos. An dieses Ereignis will man in der Kirche Notre-Dame-des-Victoires erinnern, zum Zeichen, dass man auch in guten Zeiten mit Bedürftigen teilen soll.

Durch kleine Parks und durch enge Gässchen, aus denen Château Frontenac aus immer wieder neuen Perspektiven auftaucht, gelangen wir zurück zum Hotel.

Unterwegs lassen wir uns von einem Veteran des zweiten Weltkrieges in ein Gespräch verwickeln. Er erzählt uns von seiner Stationierung in Deutschland und fügt hinzu, er habe dort viele Freunde gewonnen.

Das nächtliche Québec erstrahlt in einer wahren Farbenpracht. Wer Lust verspürt, kann jetzt noch Einkäufe tätigen. Die Rue du Trésor dient heute als Gemäldegalerie. Der Name erinnert an die hier befindliche französische Staatskasse, bei der die Kolonisten ihre Steuern zu entrichten hatten.

Stadttor Kent in Quebec KanadaAm nächsten Morgen befinden wir uns am Place d’Youville, wieder ein beliebter Treffpunkt. Das Stadttor Kent und die anschließenden historischen Bollwerke sind ein beeindruckender Anblick.

In der Rue Saint-Jean wird gerade ein Straßenfest vorbereitet.

Danach besuchen wir die Basilika Notre-Dame-de-Québec, hervorgegangen aus einer in Samuel de Champlains Auftrag errichteten Kapelle, mit üppigem Goldschmuck im Innenraum. Eine Kanzellampe ist ein Geschenk Louis’ XIV.

Bei schönem Wetter lohnt sich ein Ausflug auf die Île d’Orléans, mitten im St- Laurent, bietet sie einen guten Ausblick auf die Silhouette von Québec. Sie scheint ein ganz besonders mildes Mikroklima zu haben; hier wird nämlich Wein angebaut. Das Landschaftsbild erinnert zwingend an die französische Provinz.

Darüber hinaus ergibt sich hier ein erstklassiger Ausblick auf die immerhin 83 Meter tiefen Wasserfälle von Montmorency.

Bevor wir Québec verlassen: ein Abstecher auf die gegenüberliegende Seite des St-Laurent, nach Lévis. Von hier aus hat man den schönsten Blick auf das Château Frontenac und die Zitadelle.

Tadoussac

So interessant die großen Städte der Ostküste auch sind, so sind wir nun doch froh, die landschaftlichen Reize und die Tierwelt Kanadas kennen zu lernen. Den St- Laurent entlang fahren wir Richtung Norden. Die Strasse führt durch große Waldgebiete in die Ausläufer der Laurentides. Vorbei an malerischen Buchten und kleinen Dörfern geht es Richtung Tadoussac. Wir überqueren den einzigen Fjord Kanadas, das Tal des Saguenay, mit der Fähre.

Whalewatching in Tadoussac KanadaTadoussac ist bekannt für seinen Reichtum an Walen; etwas „Whale Watching“ wollen wir uns nicht entgehen lassen. Entsprechend hoch ist unsere Erwartungshaltung. Wir entscheiden uns für ein größeres Boot, vor allem auch deswegen, da das Wetter eine raue See verspricht. Wir beobachten Kodiacs, wie diese von Welle zu Welle springen. Auch Finnwale sind zu sehen und, typisch für diese Gegend, ein paar kleine weiße Beluga-Wale, die nur hier anzutreffen sind Allerdings sind sie weit weg von uns. So wenden wir uns wieder der Landschaft zu um zu filmen.

St. Félicien

Weiter Richtung Westen, nach St-Félicien am Lac St-Jean.

Dieser Binnensee mit über 1350 km2, hat die Ausmaße eines kleinen Meeres, ist aber nur um die 20 Meter tief. Am westlichen Ende liegt der zoologische Garten von St-Félicien, über 400 ha groß, zum Teil ein klassischer Zoo mit Gehegen, aber auch mit einem großen Freigelände.

Eisbaer im Zoo Sauvage de St-Felicien KanadaDie Eisbären haben es uns besonders angetan. Sie scheinen sich in ihrem Pool mit seinem kristallklaren Wasser sichtlich wohl zu fühlen und schwimmen und tauchen unermüdlich. Die großen Panoramafenster lassen sie unter Wasser hervorragend beobachten.

Nicht weniger beeindruckend sind die Grizzlybären. Allerdings scheinen sie sich zu langweilen und achteten nur wenig auf ihre Umgebung.

Leise schleichen die Pumas durch das Gelände. Ein Kojote beobachtet von der Spitze eines Hügels das Umland. Ein Geier trocknet seine Flügel im Wind.

Besonders nett erscheint uns der Vielfraß. Ausgeprägt sind seine großen Pfoten. Nur wenn er gähnt, sieht man, was für ein kräftiges Gebiss er hat.

Waschbären, Otter und Stinktier gehören ebenfalls zur heimischen Population und können hier in Ruhe beobachtet werden.

Die Ziege macht Morgengymnastik.

Das Freigehege durchfährt man mit einer kleinen Bahn mit Stahlgittern an den Seitenwänden. Hier sind unterschiedliche Landschaften, wie Wald, Prärie und Steppe, nachgestaltet worden. Mittendrin, in friedlicher Eintracht mit ein paar Pionier- und Indianersiedlungen, nach dem Vorbild der alten Zeiten gebaut, leben hier Tiergattungen, die diese Gegend einst bewohnten. Das Rotwild hat wenig Anlass den Schwarzbären zu fürchten; dieser hat wenig Chancen, jenes zu erwischen – beiden Parteien scheint klar, wer von beiden schneller läuft.

Mächtige Bisons lagern auf den Wiesen.

Die Wölfe haben ein abgetrenntes Areal, da sie vermutlich die frische Nahrung bevorzugen würden. Auch die Elche leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Bären. Eine Karibuherde äst friedlich und lässt sich von dem lärmenden Zug nicht stören. Sie sind die einzige Hirschart, bei der beide Geschlechter ein Geweih tragen.

Die Moschusochsen attackieren schon mal, sehr zur Belustigung der jugendlichen Besucher, den letzten Wagen des Zuges, wenn dieser mitten durch die Herde fährt.

Das Gelände ist sehr schön angelegt, es gibt sogar hohe Brücken und Täler. Man sieht die Tiere aus nächster Nähe, und doch leben sie relativ frei.

Laurentides

Laurentides Provincial Park KanadaAuf dem Rückweg nach Québec durchqueren wir die Laurentides, einen teilweise staatlichen Nationalpark. Die Laurentides zählen zu den ältesten Bergformationen der Erdgeschichte. Sie erreichen zwar nur eine Höhe von etwas über 1.000 m, dafür liegt hier im Winter der Schnee bis zu 6 Meter hoch. Glaubt man den Schildern an der Strasse, dann soll es hier auch viele Elche geben.

Aber wir wollen wild lebende Tiere sehen. Eine junge Frau in Le Relais, die sich wissenschaftlich mit den Bären beschäftigt, wird uns zu einem Bärentreffpunkt führen. Sie verteilt hier regelmäßig Futter, zu welchem Zweck sie eine Art Gemüsekuchen vorbereitet.

Wir werden bereits erwartet. Vier Schwarzbären sind da. Unsere Begleiterin verteilt den Kuchen. Es geschieht dasselbe wie bei Ihren Haustieren Zuhause: man muss unbedingt die Schüssel des Nachbarn inspizieren, um sicher zu sein, dass es dort nichts Besseres gibt. Unter den Bären ist ein Weibchen mit nur drei intakten Beinen, das Vierte hat sie sich vermutlich selbst amputiert  als sie in eine Falle tappte. Seit zwei Jahren kommt sie hierher. Sie hat auch schon wieder Junge geworfen, scheint also soweit ganz gesund zu sein. Ihre Stellung in der Hierarchie hingegen ist niedrig. Man sieht, wie sie ihren Platz immer dann räumt, wenn ein Tier höheren Ranges sich nähert.

Schwarzbaer im Laurentides Provincial Park KanadaIn den Laurentides leben um die   1.500 Schwarzbären. Dennoch laufen Jogger und Wanderer durch die Natur, als gebe es Bären nur im Zoo. Von Juni bis September 2005 gab es in Kanada drei tödlich verlaufene Angriffe durch Bären. Im Straßenverkehr kommen vermutlich mehr Menschen um, aber das Risiko ist realistisch. Bei Schwarzbären soll man Krach machen, damit die Bären erschrecken und fortlaufen. Bei Grizzlys soll man leise sprechen und sich möglichst rückwärtsgehend langsam entfernen, damit der Bär merkt, dass man ihn nicht bedroht. Weglaufen hat keinen Sinn; der Schwarzbär kann bis zu 55 km/h schnell laufen. Es hilft auch nicht auf einen Baum zu klettern; der Grizzly ist ganz sicher der bessere Kletterer.

Das Futter geht zu Ende. Ein ältere Bär, offensichtlich das Alphatier  geht auf das Weibchen und das männliche Tier neben ihr zu: die Bärin ergreift die Flucht und zwischen den beiden Männchen kommt es zu Kampf; es geht um die Rangordnung.

Der Kampf dauert nicht lange, alles geht blitzschnell vor sich, unter Einsatz aller Kräfte wird gekämpft. Deutlich ist zu sehen, welche Gewalten da aufeinander prallen. Der Jüngere unterliegt und verlässt den Schauplatz des Kampfes, nicht ohne das Revier zu markieren und so seinen Anspruch geltend zu machen.

Morgen komme ich wieder! Der Alte blickt in die Runde nach dem Motto: wer ist der Nächste?

Rückkehr nach Québec; Von dort geht’s mit dem Flugzeug über Montréal Richtung St. John’s in Neufundland. Der Anflug auf Montreal beschert uns noch einen prächtigen Ausblick auf die Innenstadt.

St. John’s / Neufundland

Neufundland ist die östlichste Provinz Kanadas und seit Jahrtausenden Siedlungsgebiet verschiedenster Menschenrassen. Die ältesten bekannten Siedler waren, vor ca. 8000 Jahren, maritime archaische Indianervölker. Um das Jahr 1000 kam Leif Eriksson mit seinen Wikingern, vermutlich den ersten Europäern, die in Nordamerika siedelten. Die rekonstruierte Siedlung in L’Anse-aux-Meadows an der Nordspitze Neufundlands wurde 1978 zum Weltkulturerbe erklärt.

Wieder entdeckt wurde Neufundland durch den gebürtigen Genueser John Cabot, der 1497 im Auftrag des englischen Königs Heinrich VII. den Seeweg nach Indien suchte.

Blick vom Signal Hill auf St. Johns NeufundlandBis in die 90er Jahre des 20. Jh. war der Fischfang eine der Haupterwerbsquellen. Nach starken Regulierungen in der Fischerei ist der Tourismus neben dem Erdöl zum wichtigsten Wirtschaftszweig geworden. Wie wichtig Erdöl heutzutage für Neufundland ist, illustriert die Bemerkung eines Taxifahrers. Nach dem Wirbelsturm Katrina explodierten die Benzinpreise –„Halb so schlimm“, meinte er „Das Geld geht zur einen Tür hinaus und kommt zur anderen wieder herein. Am Freitag, zwei Wochen nach der Katastrophe von New Orleans, erzielte Neufundland auf dem Ölmarkt zusätzliche Einnahmen in Höhe von 400 Millionen Dollar.

St. John’s, Hauptstadt Neufundlands und älteste Stadt Nordamerikas, besitzt einen durch hohe Hügelketten besonders geschützten Naturhochseehafen, der auch gerne von Kreuzfahrtschiffen angelaufen wird.  Am 14 Juni 1919 starteten John Alcock und Arthur Whitten Brown hier zum ersten erfolgreichen Nonstop-Flug über den Atlantik nach Europa. St. John’s bezeichnet sich selbst als Stadt der Legenden. Das Einzugsgebiet der Stadt zählt 160.000 Einwohner. Landssprache ist englisch.

Über der Hafeneinfahrt thront auf dem Signalhill der Cabot Tower. Das Signal, dessen hier gedacht wird, ist der erste transatlantische Funkspruch aus Europa, den Guglielmo Marconi 1901 hier empfing.

Schwere Geschützbatterien erinnern daran, dass in kriegerischen Zeiten auch diesem Ort eine hohe Bedeutung zukam.

St Johns NeufundlandDie bunten Fassaden der Häuser sind ein Markenzeichen von St. John’s. Malerisch schmiegen sie sich an die Hänge und prägen das Bild der Stadt. Männer laufen mit nacktem Oberkörper durch die Gegend. Die Temperatur ist bei 20ºC. Für die kälteresistenten Neufundländer ist Hochsommer. Im Hafen Hafens fallen die schweren Eisbrecher des Küstenschutzes auf. Im Frühjahr verirrt sich manchmal ein Eisberg aus Grönland hierher. In den letzten Jahren sind es aber weniger geworden. Außerdem ist St. John’s Anlaufhafen für die Versorgungsschiffe für die Ölförderplattformen vor den Küsten Neufundlands. Neben Fischerbooten liegen auch ältere Schiffe vor Anker, so zum Beispiel ein Schaufelraddampfer, heute im Dienst des Tourismus’.

Die Basilika St. John the Baptist ist in Form eines lateinischen Kreuzes gebaut und zeichnet sich im Inneren durch eine mit Ornamenten geschmückte Kassettendecke aus.

Wenige Kilometer entfernt, südlich von St. John’s,  liegt Cape Spear, östlichster Punkt Nordamerikas. Von hier aus ergibt sich der beste Ausblick auf die Hafeneinfahrt von St. Johns. Das Cape wird markiert durch den ältesten Leuchtturm Neufundlands, der heute ein Museum beherbergt. Gelegentlich lassen sich hier auch Wale beobachten, aber jetzt, im September, sind sie weiter südwärts gewandert.

Die Bunker und Geschütze sind ein Relikt aus dem 2. Weltkrieg. Hier wurde aber kein einziger Schuss abgegeben. Der Dienst in der Batterie, in dieser kalten und oft nebligen Landschaft, dürfte recht eintönig gewesen sein.

Der Kilometer Null des Trans Canada Highway ist in St. John’s. Von hier aus läuft er an die 8000 km quer durchs ganze Land. Auf ihm fahren wir bis zur Trinity Bay und biegen dann nach Norden Richtung Heart’s Content ab. Hier gab es, nachdem 1866 die Verlegung des ersten Kabels für den transatlantischen Nachrichtenverkehr geglückt war,  eine Relaisstation zwischen Europa und New York. Die alten Geräte sind noch gut erhalten. Aus einem Schaltschrank hängt noch das Ende des Kabels, das hier einst im Wasser verschwand und in Irland wieder an die Oberfläche kam.

Ein paar Kilometer weiter sind wir an einem kleinen Hafen. Ein Fischerboot läuft ein. Wir sind neugierig den Fang zu sehen, aber die Enttäuschung steht den Fischern schon im Gesicht geschrieben. Sie haben rein gar nichts gefangen. Die Krise des Fischfangs in Kanada ist noch nicht vollständig überwunden.

Malerische Fischerdörfer, an die schroffe Felsküste geschmiegt. Die Sicht ist glasklar, die Luft so rein, wie nirgends auf der Welt. In diese Gegend verirren sich nur wenige Touristen. Die Felsformationen der Grates Cove Rock-Walls erinnern an die ehemaligen Befestigungsmauern einer Burgruine.

Auf den zweiten Blick entdeckt man in der Tundra eine Vielfalt blühender Pflanzen.

Gedenkstaette Amelia Earhart in Harbour Grace NeufundlandAm Abend erreichen wir Harbour Grace. Von hier aus startete Amelia Earhart als erste Frau ihren erfolgreichen Alleinflug über den Atlantik, 5 Jahre nach Charles Lindbergh. Im letzen Licht der untergehenden Sonne erhaschen wir noch einen Blick auf die St. Paul’s Anglican Church, die älteste Steinkirche Neufundlands. Sie wurde 1835 erbaut. Der Ort lebt auch heute noch im wesentlichen vom Schiffsbau hauptsächlich kleinerer Tonnagen.

Im Süden von St. John’s liegt die Halbinsel Avalon. Nahe Witless Bay sind die weltbekannten Vogelschutzgebiete auf Gull Island, Green Island und Great Island ein attraktives Ziel für Ornithologen und Vögelliebhaber.

In Renews ging 1620, nach einer Reise von 66 Tagen, die Mayflower vor Anker.

Im Süden der Halbinsel um Portugal Cove South erstrecken sich die endlosen Weiten der Tundra. Die Karibuherden bekommen wir nicht zusehen. Es sei zu früh, sagen die einen, sie kämen im Oktober. Die sich stark vermehrenden Kojoten würden die Herden stark dezimiert, meinen die anderen.

-Cataracts Provincial Park KanadaEine reizvolle Landschaft entschädigt uns für die nicht vorhandenen Karibus. Die Bäche sind so blau, dass es beinahe kitschig wirkt. Wie wir im Cataracts Provincial Park sehen können, liegt es daran, dass es sich um Schwarzwasserflüsse handelt, in denen sich der Himmel besonders spiegelt,. Das liegt an bestimmten Mineralien, die sie mit sich führen. Dennoch ist das Wasser ganz sauber.

Vom Castle Hill hat man einen weiten Ausblick auf Placentia, gegründet  im 16. Jh. von baskischen Fischern.

Ursprünglich waren in Castle Hill 350 Franzosen stationiert, um die Bucht und das Hinterland gegen die Engländer zu verteidigen. Später ging die Befestigungsanlage an die Engländer über.

Im Salmonier Nature Provincial Park lassen sich heimische Tierarten, welche meist nicht in den großen Zoos zu finden sind, gut beobachten.

Die Schneeeulen sind bis heute nicht restlos erforscht. Sie leben normalerweise am Polarkreis. Im Gegensatz zu anderen Eulen sind Schneeeulen tagaktive Tiere. Bartkauz, Luchs und Weißkopfadler scheinen sich hier wohl zu fühlen.

Polarfuchs im Salmonier-Nature-Park KanadaDer Falke erreicht im Sturzflug Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h.

Auch ein paar Elche und Karibus sind hier angesiedelt.

Die kanadischen Gänse scheinen die Marschordnung besonders exakt einzuhalten.

Speziell angetan haben es uns die Polarfüchse. Ihr Winter- und Sommerfell wechselt zwischen schwarz und weiß. Diese scheuen Tiere haben das dichteste Fell aller Säugetiere.

Über den Trans Canada Highway führt die Route, vorbei an zahlreichen Seen, nach  St.John’s zurück.

In der noch verbleibenden Zeit auf Neufundland erkunden wir den Teil nördlich von St.John’s. An der rauen Küste der Conception Bay sind eine Reihe alter Fischerdörfer wie Paradise,  Portugal Cove, Flat Rock oder Pouch Cove zu finden.

Die Boote werden wie eh und je über steile hölzerne Rampen mit Hilfe von Seilwinden an Land gezogen. Ein lokaler Künstler hat auf einer Wand die traditionellen Fischerhütten sehr anschaulich dargestellt.

Quidi Vidi neufundland KanadaIn Quidi Vidi gibt es noch einige Exemplare der Fischerhütten, die typisch für diese Gegend, auf Stelzen gebaut waren.

Dass auch dieser Ort umkämpft war, dokumentieren die obligatorischen Kanonen. Immer wieder erfreuen wir uns an der sauberen Luft. Neufundland wirbt damit, die sauberste Luft der Welt zu haben, was in Ansätzen nicht ganz verkehrt ist.

Peggys Cove / Mahone Bay / Lunenburg

Mit dem Flugzeug geht es weiter in die Provinz Nova Scotia. Südlich von Halifax besuchen wir Peggys Cove.

Leuchtturm von Peggys Cove KanadaPeggys Cove ist vielleicht der meistfotografierte Ort in Kanada. Neben dem gleichnamigen Fischerdorf mit ca. 100 Einwohnern steht auf riesigen, vom Wasser rund geschliffenen Granitfelsen ein Leuchtturm, der ein kleines Postamt beherbergt, dessen Sonderstempel eine begehrte Trophäe der Briefmarkensammler darstellt. Die Umgebung zieht Touristen scharenweise an. Und mit den Touristen kommen die Dudelsackpfeifer. Der häufige Nebel verleiht dem Ort etwas Unwirkliches, fast Unheimliches.

In Sichtweite des Leuchtturms stehen die Gedenksteine für den Swissair-Fluges 111 im Jahre 1998, der knapp vor der Küste mit  229 Todesopfern tragisch endete.

Zwischen Peggys Cove und Lunenburg liegt die Mahone Bay. In der Bucht stehen nicht weniger als drei Kirchen nebeneinander, ein berühmtes Postkartenmotiv, und wer sich genauer umsieht, entdeckt in nächster Umgebung noch drei weitere Kirchen.

Lunenburg KanadaLunenburg ist, wie der Name verrät, eine Gründung deutscher Einwanderer. Sie kamen auf Geheiß des englischen Königs George II., aus dem Hause Hannover. Wie der Name schon nahe legt, stammten sie aus Lüneburg. Der Ortskern wurde 1996 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Am Hafen gibt es ein maritimes Museum, das Fisheries Museum of the Atlantic. Der Ort liegt malerisch in einer Bucht und hat sich ganz auf den Tourismus eingestellt, aber seinen Ruf verdankt er seiner Schiffsbaukunst. Hier wurde die Bluenose II gebaut, der wir später in Halifax noch begegnen werden.

Auf dem Weg von Liverpool nach Annapolis Royal bekommt man einen kurzen Eindruck von Kanadas Holzindustrie. Auf gewaltige Lastkähne werden ganze Wälder verladen.

Annapolis Royal

Bei Annapolis Royal liegt Kanadas einziges Gezeitenkraftwerk, eine Versuchsanlage mit einer Leistung von 20.000 KW. Einen wirklichen Durchbruch hat diese Form der Energiegewinnung in Kanada bisher nicht geschafft, obwohl hier Gezeitenkräfte zur Verfügung stehen, die jedes gewohnte Maß übersteigen. Ökologisch sind Gezeitenkraftwerke nicht unproblematisch. Das Stauen der Bay of Fundy könnte zu Überschwemmungen in Boston führen.

Bed and Breakfast Hotel in Annapolis Royal KanadaAnnapolis Royal ist die erste Siedlung der Franzosen in Nordamerika und liegt in einer Seitenbucht der Bay of Fundy. In dem kleinen malerischen Stadtchen wurden die meisten der 120 denkmalgeschützten Häuser in kleine Hotels oder „Bed and Breakfast“-Pensionen umgebaut. Die B&B-Pensionen sind nicht viel billiger als Hotels, bieten aber dafür manche Gelegenheit, in viktorianischer oder familiärer Atmosphäre zu wohnen und zu speisen. Annapolis Royal war bis Mitte des 18. Jh. Nova Scotias erste Hauptstadt und wurde zu Kanadas Kulturhauptstadt für das Jahr 2005 gewählt. Die Lower St. George Street gilt als Kanadas älteste Dorfstrasse.

Digby/Tiverton

Am Eingang der Bucht liegt Digby, ein Fischerort mit malerischem Hafen. Der Ort ist berühmt für seine Fischereiflotte, die in der Regel aber nur von Freitag bis Montagmorgen zu sehen ist. Für den Rest der Woche ist sie in der Bay of Fundy an der Arbeit. Sie ist spezialisiert auf das Sammeln von Scallops, die bei uns als Jakobsmuscheln bekannt sind.

Tiverton sei zur Beobachtung von Walen besonders geeignet, haben wir gehört. Es liegt am Ende der 70 km langen, Nova Scotia im Westen vor gelagerten Halbinsel namens Digby Neck. Die Fahrt dorthin verschafft uns einen ersten Eindruck von dem gewaltigen Tidenhub in der Bay of Fundy. Erst bei Flut können die Boote wieder auslaufen. Um Tiverton zu erreichen, muss man noch einmal mit einer Fähre übersetzen. Dort angekommen, ist es fraglich, ob ein Auslaufen zur Beobachtung der Wale möglich sein würde, da Wind und Wellengang in der Bay of Fundy sehr stürmisch sind. Um 12 Uhr Mittag wird man mehr wissen.

Balanced Rock in Digby KanadaWir nutzen die Zeit, um die Felsküste im Osten von Digby Neck zu erkunden. Die bizarren Basaltfelsen sind eine beeindruckende Naturerscheinung. Der Balanced Rock imponiert durch Größe und gleichzeitig filigrane Form.

Wir haben doch noch Glück und Laufen aus. Die See ist rau, das Boot reitet wie wild über die Wellen. Unsere Führerin übernahm den schwersten Teil. Trotz Echolot und Radar, musste sie im Bug mit dem Fernglas bewaffnet, nach Walen Ausschau halten.

Und plötzlich sind sie da. Träge schieben sie ihre gewaltigen Körper durch die Wogen. Das Wetter an der Oberfläche scheint sie wenig zu kümmern.

Gewöhnlich gibt es hier Herden von Buckel und Finnwalen zu sehen, außerdem zeigen sich der Nothern Right Whale, sowie Blau- und Minkwale.

Wale Watching in Tiverton KanadaSchnell hatten wir unsere Augen daran gewöhnt das Meer nach den verräterischen Wasserfontänen abzusuchen.

Als die Ersten ihre gewaltige Schwanzflosse zeigen, waren unsere Vorstellungen von Kanada, nach unserer Enttäuschung in Tadoussac, wieder mit der Realität vereint.

Zurück in Digby, erleben wir die dramatisch schnellen Wechsel in der Stimmung der Landschaft unter dem vielfältigen Farbenspiel, das die untergehende Sonne veranstaltet. Wir kommen mit zwei netten Scallop Fischern ins Gespräch. Der Mann links im Bild ist seit 40 Jahren dabei. Zum ersten Mal in seiner Berufslaufbahn, fährt er nicht mit, weil er sich einen Finger verletzt hat. Der Fischfang in Kanda, so die einhellige Meinung der beiden Herren, sei gerade dabei, sich von einer schweren Krise zu erholen, dank neuer staatlicher Regulierungen.

In der Abenddämmerung erreichen wir die Fähre nach St. John in der Provinz New Brunswick. Die Bay of Fundy durchfahren wir in der Nacht.

New Brunswick

New Brunswick ist bekannt für seine überdachten Holzbrücken.

Die Brücken wurden überdacht, damit beim Passieren die Pferde nicht scheuten Hier scheuen sie dafür vor dem Auge der Kamera.

Bei den Hopewell Rocks ist das Ausmaß des Tidenhubs besonders gut erkennbar. Die Hopewell Rocks liegen im nördlichen Ausläufer der Bay of Fundy, die sich hier Chignecto Bay nennt. Sie ist an die 15 km breit und das Wasser zieht sich bei Ebbe zu einem Grossteil aus der Bucht zurück. Dann kann man zwischen den Erhebungen, die Pilzen gleichen, über den Meeresgrund spazieren; bei Flut werden sie zu Inseln.

Über Moncton führt uns die Reise Richtung Prince Edward Island.

Man stößt übrigens in Kanada überall auf Eisenbahnmuseen, entsprechend der wichtigen Rolle, die die Eisenbahn bei der Erschließung des Landes hatte.

Prince Edward Island

Confederation Bridge Prince-Edward-Island KanadaPrince Edward Island ist Kanadas kleinste Provinz. Sie ist mit dem Festland durch Kanadas längster Brücke, verbunden. Man braucht fast eine Viertelstunde für die Überfahrt.

Prinz Edward Island ist auch bei US-Amerikanern ein beliebtes Reiseziel. Neben langen Sandstränden im Norden lockt auch das europäische Erscheinungsbild der Landschaft. Das Innere der Insel ist von Landwirtschaft und Viehzucht geprägt. Neben Getreide werden hier viele Kartoffeln, aber auch Gemüse, angebaut.

In allen urbanen Regionen Kanadas begegnet man Golfplätzen. Golf ist hier ungleich populärer als bei uns. Der Familienausflug am Sonntag führt nicht selten auf den Golfplatz, wo bereits die Kleinsten animiert und unterrichtet werden.

Unser eigentliches Ziel auf P.E.I. ist Charlottetown, die Wiege Kanadas.

Im Province House, offizieller Name heute Confederation Centre Art Gallery and Museum, fand die historische Konferenz  von 1847 statt, die zwanzig Jahre danach zur Gründung der Föderation der britischen Kolonien führte, deren wesentliches Element eine eigene Verfassung war. 

Das Confederation Centre of the Arts ist seit den 60er Jahren ein Kulturzentrum, mit Museum zur Geschichte der Kolonien, mit Kunstgalerien und einer Bibliothek.

House Beaconsfield in Charlottetown PEI KanadaFanningbank ist der Sitz des Gouverneurs. Dieser hat, als Vertreter der Queen im Wesentlichen repräsentative Aufgaben. Die eigentlichen Regierungsaufgaben werden vom Premier wahrgenommen.

Neben Fanningbank befindet sich, oft als schönstes Haus der Stadt bezeichnet, ein Gebäude namens Beaconsfield. 1877 wurde es vom einem Reeder gebaut, nach dessen Konkurs von einem Fotograf erworben. Heute ist es öffentlich zugänglich.

In den Abendstunden nehmen wir die Fähre bei Wood Islands zurück auf das Festland.

Cape Breton

In Nova Scotia hat das Wetter umgeschlagen. Statt warmer Sonne kalter stürmischer Regen. An den Sandstränden im Long Point Provincial Park fegt uns der Wind den Sand über die Haut. Dennoch passte das Wetter zu unseren Vorstellungen von Cape Breton.

In Chéticamp, in den Cape Breton Highlands, hatten die Bewohnerinnen die skandinavische Technik der Teppichstickerei, hier Rug Hookings genannt, zur Perfektion weiterentwickelt. Eingespannt in einen festen Rahmen wird ein Leinenstoff gedehnt. Danach werden farbige Fäden mit langen Nadeln durch die großen Poren des Gewebes gezogen, bis sie ein gewünschtes Muster ergeben. Nach Entfernung des Rahmens zieht sich das Leinen wieder zusammen und gibt den Fäden einen festen Halt.

Frau Dr. Elizabeth LeFort beherrscht diese Technik besonders meisterhaft und wurde selbst berühmt, als sie begann Portraits von Prominenten auf Teppichen dieser Art abzubilden. Heute sind ihre Werke im Weißen Haus, im Vatikan oder im Buckingham Palast zu sehen.  Eine Reihe ihrer Teppiche sind hier in dem, ihr gewidmetem Museum, ausgestellt.

Cabot Trail

Cabot-Trail KanadaDer Norden der Insel Cape Breton wird von einer sehr gut ausgebauten Panoramastrasse umrundet, benannt nach dem Entdecker Giovanni Caboto. Von markanten Aussichtspunkten hat man einen hervorragenden Blick auf die weitläufigen Buchten und schroffen Küstenabschnitte. Inspiriert von der weiten Fläche des Landes, legt Kanada seine Straßen selten in Serpentinen an, sodass sie breit ausgebaut und sachte geschwungen sind. Dafür überwinden sie oft erhebliche Steigungen und Gefälle. Der Cabot Trail ist bei Schneefall wohl nicht ganz harmlos.

Wer Zeit zur Verfügung hat, sollte den tierreichen und landschaftlich sehr schönen Cape Breton Highlands Nationalpark durchwandern.

Im Hafen von Sydney legt gerade ein großes Kreuzfahrtschiff an.

Louisbourg

Louisbourg wurde von den Franzosen gegründet und zu einer bedeutenden Hafenstadt ausgebaut. Zu deren Schutz wurde ein Fort gebaut, das mehrere Male von den Briten erobert wurde. Mit der Geschichte Louisbourgs ist die der Akadier verbunden: wer nicht auf die Krone schwören wollte, wurde nach Frankreich deportiert oder musste sich in Neuengland, Québec oder New Brunswick eine neue Heimat suchen. Nach der Rückeroberung durch die Franzosen durften die Akadier wiederkehren. Heute leben ihre Nachkommen in New Brunswick, aber auch in Nova Scotia und P.E.I. stellen sie einen bedeutenden Anteil an der Bevölkerung.

Die heutige Stadt liegt in einiger Entfernung vom Fort, das zur Zeit der Kriege gegen die britischen Eroberer die damalige bürgerliche Stadt umgab, schützte und militärisch verteidigte. Ein Schutz, den das gewöhnliche Volk, die Bauern und die Armen nicht genossen. Sie hatten das Leben außerhalb der Mauern zu fristen.

Ehemaliges Wohnhaus  Louisbourg KanadaAls Beispiel für ein damaliges Wohnhaus der einfachen Menschen wurde eine Gastwirtschaft rekonstruiert, umgeben von einem Holzgerüst zum Trocknen der Fische.

Zweimal eroberten die Briten die Stadt. Nach der ersten Eroberung wurde sie im zweiten Aachener Frieden von 1748 den Franzosen zugesprochen.

Was die Briten nicht von einem zweiten Eroberungsversuch abhielt. Diesmal standen sich 15000 Briten mit 39 Kriegsschiffen und 7000 Franzosen mit 11 Schiffen gegenüber. Die Briten nahmen die Stadt ein und zerstörten sie völlig.

Die Befestigungsmauern und Gräben vermitteln den Eindruck einer uneinnehmbaren Stadt, aber gegenüber dem Hinterland war der Schutz illusorisch. Von den Hügeln aus spähten die Briten alles aus, was in der Festung geschah, und ihre Artillerie erreichte fast jeden Punkt. Nachdem es den Briten gelungen war, einen Brückenkopf an Land zu errichten, fiel die Stadt nach siebenwöchiger Belagerung.

Ein Jahr später konnte dann Québec von den Briten erobert werden.

Festungsstadt Louisbourg Kanada1961 begann die Rekonstruktion der Festungsstadt und seither wurden 25% der Stadt wieder in den Zustand von 1740 versetzt. Geschulte „Bewohner“ versuchen in historischen Kleidern den Alltag jener Zeit zu vermitteln.

Wohlhabende Kaufleute, Händler und Handwerker teilten sich die Stadt mit Soldaten.

Im Haus des Ingenieurs besticht eine von ihm selbst konstruierte Vorrichtung in der Küche, die es erlaubt, gleichzeitig zu braten, zu kochen und zu garen.

Wieder geht es weiter; zurück in Richtung Halifax. Der Canso Causeway ist die einzige Autoverbindung zwischen Cape Breton und dem Festland. Mit 1,4km Dammlände und 66m Tiefe gilt er als tiefste Dammbrücke der Welt.

Truro / Bay of Fundy

Bei Maitland in der Nähe von Truro lassen sich Ebbe und Flut der Bay of Fundy besonders gut beobachten. Hier soll der höchste Tidenhub aller Zeiten mit 21 m gemessen worden sein. Abhängig von Mondphasen und der Jahreszeit, liegt der Tidenhub aktuell bei etwa 14m. Bei Niedrigwasser wirkt die Landschaft weit und offen, bei Flut drängt das Meer immer weiter in die Buchten.  Es ist erstaunlich, welchen Veränderungen die Landschaft in kürzester Zeit unterworfen ist und dies zweimal täglich.

Maitland Bay of Fundy KanadaBei Flut ist es beliebt in der hereinbrechenden Welle Rafting zu betreiben. Gleichzeitig lässt sich vom Wasser aus am Besten das Farbenspiel der untergehenden Sonne beobachten.

Ausgerechnet hier, in unserer gemütlichen Unterkunft, dem Captain Douglas House, einer freundlichen Familienpension, machen wir die Bekanntschaft der kanadischen Stechmücke, die uns bisher überall verschont hatte.

Halifax

Halifax, die Hauptstadt der Provinz Nova Scotia, bildet mit Dartmouth und Bedford ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet für weit über eine Viertelmillion Menschen. Dartmouth und Halifax trennt der Hafen und verbindet seit Mitte des 18. Jh. eine Fähre.

Außerdem überspannen zwei große Mautbrücken die Bucht.

Seit jeher ist Halifax ein bedeutender Hafen, und somit verwundert es nicht, dass hier die größte militärische Einrichtung Kanadas angesiedelt ist, die Basis der Atlantikflotte. Auch die Küstenwache hat hier ihren Hauptsitz. 

Wirtschaftlich hat Halifax immer am meisten von Kriegszeiten profitiert. Der ständig eisfreie Hafen gewährleistete die Aufrechterhaltung der Kriegslogistik. Im ersten und zweiten Weltkrieg wurden hier Konvois zur Unterstützung der Alliierten in Europa zusammengestellt.

Diese Zusammenballung von militärischer Macht bescherte der Stadt am 6. Dezember 1917 eine Katastrophe. An diesem Tag stieß ein Munitionsschiff mit einem Frachter zusammen und explodierte. Es gab über 1400 Tote und 9000 Verletzte, die Stadt wurde teilweise zerstört.

Historic Properties Halifax KanadaOberhalb des Geschäftsviertels liegt die Zitadelle, die erstaunlicherweise nie angegriffen wurde. Das  Munitionsdepot  ist noch im ursprünglichen Zustand erhalten. Auch eine Flaggenschule gehört dazu, die täglich ihre Übungen vorführt.

An der Hafenfront fallen zuallererst die ungewohnt großen Möwen auf. Es ist nicht jedermanns Sache, inmitten dieser gefräßigen Tiere seine Mahlzeit einzunehmen.

Im Zentrum der Hafenfront liegen die restaurierten Backsteinhäuser und Lagerhallen, die so genannten Historic Properties, die heute wie die ausgedienten Hafengebäude mit Kneipen, Einkaufspassagen, Museen und Galerien für ein zahlungskräftiges Publikum gestaltet wurden. Die ganze äußerlich originalgetreue Anlage bietet einen viel besuchten Anziehungspunkt für Touristen, die dabei auch Schiffe beobachten, oder Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen können.

In den Einkaufspassagen befinden sich die üblichen Souvenirs für Touristen, aber wer geduldig sucht, findet auch Raritäten.

Glockenturm Wahrzeichen von HalifaxBei alledem hat man stets das Wahrzeichen der Stadt vor Augen, den im Auftrag von Prinz Edward, Herzog von Kent, Anfang des 19.Jh. vor der Zitadelle errichteten Glockenturm, der die Bürger zu mehr Pünktlichkeit erziehen sollte.

Das neben den Historic Properties liegende Kasino mit angeschlossenem Hotel beherrscht den Nordteil der Hafenfront.

Manchmal sieht man im Hafen den Segler Bluenose II. Das Original hielt Anfang des 20. Jh. achtzehn Jahre lang  die internationale Fischerei Trophäe als schnellster nordamerikanischer Segler seiner Klasse. Im zweiten Weltkrieg verloren Segelschiffe ihre Bedeutung; die Bluenose diente zunächst noch als Frachtschiff und sank 1946 bei den westindischen Inseln. In den 60er Jahren wurde die Bluenose II in Lunenburg  dem Original nachgebaut und ist heute auf der kanadischen 10 Cent Münze verewigt.

Viele Reisende, die hierher kommen, lassen sich einen Besuch im Maritime Museum of the Atlantic nicht entgehen, einem ganz der Seefahrt verschriebenen Museum mit mehreren Einzelausstellungen.  Die Hauptsammlung gilt Schiffsausrüstungsgegenständen aus verschiedenen Epochen und bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Seefahrt und der Fischerei. Eine zweite große Kollektion zeigt Modellschiffe, deren Hauptstück der detailgetreue Nachbau der Franconia ist, des bekannten Schiffs der Cunard Line.

Eine Sonderausstellung befasst sich mit der Titanic, die 600 Seemeilen vor Halifax auf einen Eisberg auflief. Tote, Verletzte und Überlebende wurden damals nach Halifax gebracht. Neben vielen Objekten, die vom Unglücksschiff stammen,  wird auch das Originalprotokoll der Funksprüche gezeigt, welches die Ereignisse jener Nacht dokumentieren.

Eine weitere Ausstellung, deren Exponate zum Teil aus Schweden stammen, ist den Wikingern und ihrer Landung in Neufundland gewidmet.

Alexander Keith Brewery Halifax KanadaNicht weit entfernt vom Museum liegt die historische Alexander Keith Brauerei, ein weiterer aufwendig restaurierter Teil der Freizeitmeile dieser Hafenlandschaft.

Am Pier 21 hat gerade das Viersterne-Kreuzfahrtschiff Carneval Triumph, mit über 3000 Passagieren an Board, angelegt. Pier 21 war bis Anfang der 70er Jahre des 20. Jh. das Tor für mehr als eine Million Einwanderer aus aller Welt, zu einer neuen Heimat und Zukunft. Mit der steigenden Bedeutung des Passagierfluges verlor die Einwanderung auf dem Seeweg ihre Stellung. Im Pier 21 werden die Stationen der Geschichte der Einwanderung heute in einem Museum nachgezeichnet.

Pier 21 Halifax KanadaZur Besichtigung freigegeben ist auch die einzige heute noch existierende Korvette aus dem zweiten Weltkrieg, die HMCS Sackville. Zum Aufspüren und Abwehren feindlicher U-Boote eingesetzt, erhielt sie einen Torpedotreffer, diente dann als Ausbildungsschiff und wurde nach dem Krieg als Forschungsschiff verwendet. Sogar die Führungsmannschaft der Carneval Triumph nutzt den Aufenthalt, um das historische Schiff in Augenschein zu nehmen.

Wenn das Wetter es erlaubt, kann man mit einem der originellen  Amphibienfahrzeuge, den Harbour Hoppers, zu einer Stadtrundfahrt aufbrechen.

Am Ende unserer Reise angekommen lassen wir die vergangen Wochen Revue passieren. Wir haben ein wohlhabendes Land kennen gelernt, welches es versteht, wie kaum ein anderes, mit kulturellen Unterschieden fertig zu werden. Gegen den Einfluss der amerikanischen Kultur, reagieren viele Bewohner mit einer emotionalen Suche nach der eigenen Vergangenheit, die sich schwerpunktmäßig an der britischen oder der französischen, orientiert. Dennoch dringt die amerikanische Kultur immer weiter vor, auch wenn sich die Kanadier gerne von den Amerikanern distanzieren. Die Landschaft dieses Staates ist einzigartig, nicht nur auf Grund ihrer Weite, sondern vor allem auch wegen der unzähligen Wassersportmöglichkeiten, die die Vielzahl der Flüsse und Seen ermöglichen. Die viel gelobte Freundlichkeit der Kanadier und die Sicherheit beim Reisen machen Kanada zu einem attraktiven Ziel für Familien, aber natürlich auch für Individualisten, die die Einsamkeit lieben. Daneben bieten speziell die Städte ein vielschichtiges Kulturprogramm, das den Aufenthalt in Kanada sehr abwechslungsreich gestalten lässt.

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