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Jangtsekiang/Chang Jiang

Unweit der Stelle, an der Mao 1966 den Jangtse durchschwamm, legen heute die Schiffe ab.

Beeindruckend ist, mit wie viel manuellem Aufwand Tätigkeiten wie das Be- und Entladen der Schiffe vorgenommen werden. Schweres Gerät ist selten zu sehen.

Schnell wird aber auch dem Fremden klar, welch ungeheure Mengen an Sand und Schlamm vom Jangtse ins Tal transportiert werden. Und dies in einer Region, die kaum Gefälle vorweist. Auf den ca. 2.400 km von Shanghai bis Chongqing beträgt die Höhendifferenz 192 m.

Der Fluß scheint gewaltig breit, doch der Eindruck täuscht, die Fahrrinne für grössere Schiffe ist extrem schmal und ändert sich durch die Versandungen ständig. Ein Besuch auf der Brücke zeigt rasch, welch ausserordentliche Leistungen der Schiffbesatzung abverlangt werden, angesichts des teilweise chaotisch erscheinenden Verkehrs, vor allem, wenn man bedenkt, dass rund um die Uhr gefahren wird. Nachts ist volle Konzentration nötig, trotz genauer Schifffahrtskarten, riesiger Scheinwerfer, Echolot, Radar und Funkverkehr.

Dennoch ist die Fahrt mit dem Schiff auch für viele LKW-Transporte die bessere Alternative zur Straße. Die Fahrt von Wuhan bis zum Three Gorges Dam (Dreischluchtendamm) kostet um 200 Euro, Essen und Bett inklusive.

Kapitän und Crew der Prinzess Elaine von Regal China CruisesKapitän und Crew laden zu einem Begrüßungsempfang ein und stellen sich vor. Der Kapitän der Prinzess Elaine von Regal China Cruises zählt zu den erfahrensten und besten Kapitänen auf dem Jangtse. Sein Schiff durfte auch die erste Schleusenpassage im Dreischluchtendamm machen.

Im Morgengrauen des zweiten Tages erreichen wir den Gezhou-Damm, der den Fluß 22 m hoch staut. Dieser 2.560 m breite Damm wurde ausschliesslich dafür gebaut, Erfahrungen für das Dreischluchtendamm-Projekt zu gewinnen. Dennoch zählt auch er zu den grössten Dämmen dieser Erde. In der Schleuse geht es so eng zu, dass Schubsen und Drängeln wohl dazugehört. 7-8 Schiffe werden gleichzeitig gehoben.

Mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages fahren wir in die Xiling-Schlucht ein, die erste der drei Schluchten. Früher war sie für die Schifffahrt die gefährlichste Passage. Klippen und Untiefen sind jedoch durch den Staudamm beseitigt.

Nach einer halben Stunde passiert man einen Obelisk, der die einstige Grenze zwischen Japanern und Nationalchinesen markiert. 20.000 Chinesen starben hier bei Kämpfen.

Die wartenden Kreuzfahrtschiffe kündigen bereits den Dreischluchtendamm an.

Yangtse Drei Schluchten DammDann liegt dieses gewaltige, aber auch umstrittene Bauwerk vor uns. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen – im April 2004 – betrug die Stauhöhe 70 m, weitere 25 m werden bis 2009 aufgestaut. Dadurch entsteht der grösste künstliche See der Erde mit einer Länge von ca. 630 km.  Dies macht den Jangtse bis Chongqing für Schiffe bis 10.000 BRT schiffbar. Die Staumauer ist ca. 2.300 m breit und 175 m hoch.

Die Entscheidung für den Bau des Dammes führte im Nationalen Volkskongress zur ersten nicht einstimmig getroffenen Entscheidung; der Bau wurde mit  1.100:400 Stimmen beschlossen.

Neben der verbesserten Schifffahrt dient der Damm vor allem der Überschwemmungskontrolle im Unterlauf des Jangtse. Durch Überschwemmungen verloren 1931 und 1935 jeweils 150.000 ihr Leben, im Jahre 1954 waren es 35.000 Menschen. 1949 war der Zugverkehr der wichtigen Linie Peking-Hongkong für hundert Tage unterbrochen. Im August 1996 konnte eine Hochwasserkatastrophe nur durch den Einsatz von 200.000 Soldaten und Millionen ziviler Helfer knapp verhindert werden, im Jahre 2002 nur durch die Evakuierung von einer halben Million Menschen. Bereits auf der Fahrt von Wuhan hierher konnten wir die gewaltigen Dämme seitlich des Jangtse nur staunend zu Kenntnis nehmen. Manchmal steigt in diesem flachen Gelände bei Hochwasser der Pegel um bis zu 14 m. Der Staat unternimmt gewaltige Anstrengungen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Wegen des neuen Damms wurden ca. 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt. Als Kosten werden 20 Milliarden Dollar angegeben.

Ein weiteres Ziel ist die Energiegewinnung, 18.200 MW sollen die Generatoren nach Fertigstellung liefern, das sind ca. 1/3 des heutigen Energiebedarfs von China und entspricht ca. 18 Atomkraftwerken oder 50 Millionen Tonnen jährlich verfeuerter Kohle.

Um auf Erdrutsche rechzeitig reagieren zu können, werden viele Hänge ständig seismologisch mittels Sensoren überwacht.

Am nächsten Morgen liegen wir in Badong vor Anker und sehen zum ersten Mal, beeindruckt  von der 109 m hohen und über 5 km langen Brücke, eine umgesiedelte Stadt. Von der alten Stadt ist nichts mehr zu erkennen; sie ist restlos beseitigt worden, um Untiefen für die Schifffahrt zu vermeiden. Hier befindet sich der Eingang zum Shennong-Bach, dessen Tal sicherlich durch den Stausee an Attraktivität gewonnen hat.

Der Fluss, ca. 60 km lang, kann auf zwanzig Kilometern mit dem Schiff befahren werden. Die Hänge sind grösstenteils noch mit ihrer ursprünglichen Vegetation bedeckt und bieten Affen und Berggazellen eine Heimat.  Neben dem Dragon-Tempel, der wegen des Dreischluchtendamms an eine höhere Stelle versetzt wird, passiert man eine riesige Höhle, die sich acht Kilometer tief in den Berg erstreckt.

Bekannt ist der Shennong-Bach nicht nur durch die engen Täler, sondern auch durch die zwei Jahrtausende alten hängenden Särge der Verstorbenen der 5,7 Millionen zählenden Tujia-Nationalität, die an unzugänglichen Stellen in den Felswänden aufbewahrt werden. Im Provinzmuseum in Wanxian hatten wir Gelegenheit, sie auch aus der Nähe zu betrachten. Ein Sarg wiegt ca. 400 kg und war immer für 2 Personen gebaut worden. Aus den genetischen Untersuchungen der Verstorbenen weiss man, dass es üblich war, einem jungen Mann, eine etwas ältere Frau als Begleiterin mitzugeben. Die Frauen wiesen in der Regel Löcher im Kopf auf, so dass man einen gewaltsamen Tod annehmen kann.

Am Ende des schiffbaren Teils warten bereits die Tujia auf die Touristen, um sie mit ihren Pea-Pot-Booten, den Sojabohnenbooten, einige hundert Meter in traditioneller Weise an langen Seilen den Shennong-Bach aufwärts zu ziehen. Bis 1978 waren die Männer dabei unbekleidet. In dieser strukturschwachen Region ergibt sich daraus wohl ein willkommenes Zusatzeinkommen; für die Touristen bedeutet es eine Abwechslung nach einigen Tagen auf dem Jangtse.

Zurück auf dem Jangtse können wir wieder die Naturschönheiten bewundern,  aber auch die Schwierigkeiten sehen, unter denen die einheimische Bevölkerung ihr Dasein fristet. Im Drei-Schluchten-Gebiet gibt es traditionellerweise nur die Möglichkeiten, entweder durch Landwirtschaft, durch Fischerei oder durch Kohlebergbau zu überleben. Die Kohleschächte befinden sich oft hoch in den Berghängen, und man kann überall die an den Hängen liegenden Kohlehalden sehen. Es ist sicherlich extrem anstrengend, in mühevoller Handarbeit Kohle abzubauen. Die Landwirtschaft hat es nicht viel besser. Oft liegen die Felder bis zu 1.000 m hoch in den Hängen. In der Trockenzeit wird das Wasser zu Fuss vom Fluss herauf transportiert. Die Fischerei wiederum leidet unter den Umstellungsverhältnissen durch den Dammbau. Die Regierung unternimmt heftige Anstrengungen, in den Metropolen der Region, zum Beispiel in Chongqing, Ersatzarbeitsplätze zu schaffen. Tourismus, vor allem der chinesische, spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die steilen Berghänge sind immer wieder durch grosse Höhlen unterbrochen wie die “Wind Bags”-Höhle, von der man glaubte, der Wind käme aus ihr. Sie enthielt einst Särge, die während der Kulturrevolution zerstört wurden. Oder die “Seven caves”-Höhle, mit Inschriften von 700 Soldaten. Bald wird sie für immer im Wasser versinken.

Sechunddreissig Brücken überspannen den Jangtse; die meisten wurden im Rahmen der Umsiedelungen neu gebaut, um die Infrastruktur zu stärken. Wushan ist der Ausgangspunkt zu den Drei-Kleinen-Schluchten. Die Stadt wurde komplett in höheren Lagen neu errichtet. Hier wurden einige der ältesten Fossilien eines frühen Affenmenschen gefunden. Am Eingang der 8 km langen Qutang-Schlucht befinden sich die Ruinen der Daxi-Kultur, und hier wurden die Reste eines vier- bis sechstausend Jahre alten Dorfes aus der Jungsteinzeit ausgegraben.

In der Qutang Schlucht auf dem YangtseDie Qutang-Schlucht ist die kürzeste, aber auch die schönste der drei Schluchten. Extrem steil fallen die Felswände ab. Im Kuimen-Gateway befinden sich die bekanntesten in Stein gehauenen Kalligraphien Chinas. Die Originale wurden komplett aus dem Fels gelöst und sollen in einem Museum ausgestellt werden. Was am Fluss zu sehen ist, sind Kopien. Der Kuimen gilt als der höchste Berg der Region und überstrahlt die schmale Passage zwischen Hubei und Sichuan-Provinz oder neuerdings Chongqing, nachdem diese aus Sichuan herausgelöst wurde. Deshalb nennt man diesen Teil der Schlucht das Kuimen-Gateway. Das Nadelöhr, durch welches der Jangtse fließt, ist auch auf einer Geldnote abgebildet.

Baidicheng – die Stadt des Weissen Kaisers – wird eine kleine Insel bilden, sobald der Fluss seine endgültige Stauhöhe erreicht hat.

Fengjie wurde komplett neu errichtet, nur die Reste der Altstadt, die zur Zeit abgetragen werden, sind noch zu sehen. An der Grösse  dieser Stadt mit ca. 1 Million Einwohner kann ermessen werden, welche logistische Leistung sich hinter dem Dammprojekt verbirgt. Aber nicht alle Einwohner haben es gleich getroffen, manche Dörfer mussten in ganz andere Regionen Chinas umziehen, zum Teil sogar auf die südlichste Insel Chinas, nach Hainan. In China bewährt sich ein Prinzip, das im Westen völlig unbekannt ist. Nur der Staat ist Eigentümer von Grund und Boden. Der Privatbesitz bezieht sich auf die darauf gebauten Häuser oder Einrichtungen. Wird nun eine Baumassnahme geplant, so ist der Privatbesitz mindestens gleichwertig zu entgelten, aber niemand kann durch Anspruch auf Boden das Bauvorhaben blockieren. Nur so lässt sich auch das enorme Wirtschaftstempo Chinas erklären.

Vereinzelt kann man auf dem Land noch traditionelle Friedhöfe sehen, in den Städten ist nur noch Urnenbestattung erlaubt.

Traditionelle Chinesische Medizin in WanxianWanxian, Stadt mit 1,25 Millionen Einwohnern, ist ebenfalls völlig neu entstanden. Hier bietet sich die Gelegenheit, einen typisch chinesischen Markt mit allen Dingen des täglichen Lebens, wie Fleisch, frisches Gemüse und Zutaten, zu besuchen. Beeindruckend wirkt auf uns vor allem die Behandlung von Patienten mittels traditioneller chinesischer Medizin auf offener Strasse. Diese Art von Behandlung scheint äusserst beliebt zu sein, da es dabei auch offensichtlich sehr humorvoll  zugeht. Der Arzt behandelt ca. alle 30 Sekunden einen Patienten, was zu massvollen Gesundheitskosten beiträgt.

Die steilen Treppen zu den Landungsbrücken der Schiffe, die gleichzeitig zum Wäschewaschen - im Chinesischen auch Wäscheklopfen genannt - dienen, erinnern nur noch kurze Zeit an den jetzigen Pegel des Flusses.

Zurück auf dem Schiff bietet sich die Möglichkeit, den Maschinenraum zu besichtigen. Die Princess Elaine ist eines von zwölf Schiffen, die in der DDR für die Wolga gebaut wurden. Drei davon wurden nach China weiterverkauft und zählen heute zu den besten Kreuzfahrtschiffen auf dem Jangtse. Deshalb waren wir nicht wirklich überrascht, einen überaus sauberen und gepflegten Maschinenraum vorzufinden. Der Lärm der Dieselaggregate war allerdings ohrenbetäubend.

Während draussen alte und neue Städte, Kulturdenkmäler und eine idyllische Landschaft vorbei gleiten, ist es auch an Bord sehr kurzweilig. Neben Erläuterungen der Landschaftsgebiete gibt es Veranstaltungen zu traditioneller chinesischer Medizin und Kosmetik; auch die Tänze und die Kultur von Minderheiten-Nationalitäten werden veranschaulicht.

Shibauzhai Tempel YnagtseNächster Höhepunkt ist der Shibaozhai-Tempel. Er ist 56 m hoch, das höchste traditionelle Holzbauwerk Chinas. Von den dreizehn Etagen dienen zehn lediglich als Treppenhaus, um den eigentlichen Tempel zu erreichen. Wenn der Stausee voll geflutet ist, wird das Wasser genau bis zum Fuss des Tempels reichen. Deshalb wird um den Fels herum eine Kaimauer errichtet, an der die Schiffe anlegen können. Der Fels selbst wird sich als Insel aus dem See erheben.

Noch einmal dürfen wir die Brücke des Schiffs besuchen und der anspruchsvollen Arbeit der Besatzung zusehen.

Überrascht sind wir um Mitternacht, als plötzlich „An der schönen blauen Donau“ erklingt und ein chinesisches Pärchen perfekt Walzer tanzt. Vieles hielten wir bisher  für möglich, aber nicht Wiener Walzer auf dem Jangtse!

 


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